
Hildegard von Bingen im Jahr ihres 900. Geburtstages
Ein besonderer Geburtstag
900 Kerzen finden auf keinem Geburtstagskuchen mehr Platz. Innerhalb eines Jahrhunderts können wir in der Regel in unseren Familien und in der Nachbarschaft Menschenschicksale noch weitgehend unmittelbar überblicken. 25 Jahre rechnet man für eine Generation. Am Anfang unserer eigenen Erinnerung, die uns das Leben in der Vergangenheit erschließt, können daher gerade noch unsere Urgroßeltern stehen. Sie sind uns vielfach noch gegenwärtig, da unsere Großeltern noch direkt von ihnen erzählen können. Ein Zeitabstand von 900 Jahren aber ist für uns kaum noch vorstellbar. Wollen wir uns informieren, wie eine Frau in dieser Zeit gelebt hat, so müssen wir uns auf Zeugnisse verschiedener Art verlassen, vor allem auf Bücher.
Über Hildegard von Bingen können wir in diesem Jahr an den unterschiedlichsten Orten etwas erfahren: Anlässlich ihres Geburtstages werden wissenschaftliche Tagungen organisiert; aber auch in einer breiteren Öffentlichkeit begegnet man auf Schritt und Tritt den Erinnerungen an diese Frau aus dem 12. Jahrhundert: Volkshochschulen bieten Kurse an, in denen versucht wird Hildegards Erfahrungsweise von dieser Welt selber nachzuvollziehen. Ihre Fähigkeit der mystischen Versenkung wird als Ausgleich gegen die Hektik des technisierten Zeitalters empfohlen. Weiterhin wird vor allem ihre Naturheilkunde aufgegriffen. In Reformhäusern, aber auch im Supermarkt kann man Produkte erwerben, die mit ihrem Namen dafür werben gesund zu machen. Hildegards Rezepte werden nachgekocht und als Hausmittel gegen kleinere tagtägliche Unpässlichkeiten eingesetzt. Eine Fastenkur folgt ihren diätetischen Ratschlägen. Auch Hildegards musikalische Impressionen werden nachgespielt - für unsere Ohren ganz unvertraute Klänge. Die Stadt Bingen, in deren Nähe Hildegard ihr Leben verbracht hat, organisiert ein breites Programm an Aktivitäten, die den Menschen aus aller Welt die Orte des Wirkens dieser Frau nahe bringen sollen.
Ein Mythos um Hildegard? Eine kritische Stimme
"Draußen tobt das Hildegard-Jahr", so beginnt der Bochumer Philosophieprofessor und Spezialist für das Mittelalter Kurt Flasch einen Artikel, den er verärgert für die Frankfurter Allgemeine Zeitung geschrieben hat. Darin warnt er massiv davor, dass dieser Rummel der historischen Persönlichkeit Hildegards nicht gerecht werde, ja sie verfälsche und missbrauche: er erinnert etwa daran, dass es bis heute keineswegs gesichert ist, dass alle die Texte wirklich aus der Feder Hildegards stammen, die ihr jetzt zugeschrieben und unter ihrem Namen veröffentlicht werden. Das gilt insbesondere für die medizinischen Schriften. Auch sonst werden viele Ungenauigkeiten und auch richtige Irrtümer über Hildegard verbreitet: Das beginnt schon mit der Bezeichnung dieser Gestalt als "heilige Äbtissin Hildegard von Bingen". Flasch verweist darauf, dass Hildegard gar nicht direkt "von Bingen" war. Dafür, dass sie an den Orten, die die Stadt in ihren Führungen als Stätten ihres Wirkens präsentierte, wirklich tätig war, gibt es keine Belege. Hildegard lebte vielmehr in der Umgebung dieses Ortes. Auch war sie nicht Äbtissin, sondern unterstand ihrerseits dem Abt von Disibodenberg. Und die Bemühungen sie heilig zu sprechen sind im Sande verlaufen.
Viele Schulen sind nach Hildegard benannt. Vor allem gilt dies für ehemalige katholische Mädchen-Gymnasien. Gerade
für diese Schulgemeinden, die tagtäglich mit dem Namen Hildegards konfrontiert werden, stellt sich also die Frage: Wer war diese historische Gestalt? Worin bestand ihre Leistung und Bedeutung? Diese Frage ist gebunden an eine besondere Verpflichtung genau zu prüfen, in welcher Weise die Patronin der Schule in der Öffentlichkeit präsentiert wird. Auch Schülerinnen und Schüler schon können sich ggf. unseriösen und geldgierigen Machenschaften entgegenstellen.
Hildegards Leben
Wer also war Hildegard? Hildegard wurde 1098 als zehntes Kind eines "Edelfreien" in der Nähe von Alzey im Rheinhessischen geboren. Sie stammte also aus einer adligen Familie. Als achtjähriges Mädchen wurde sie zur geistlichen Erziehung Jutta von Spanheim übergeben. Wie andere Inklusen lebte auch diese in großer Zurückgezogenheit nur ihren Glauben in der Nähe eines Klosters, des Benediktiner-Klosters Disibodenberg (Nahe/Glan). Dort erhielt Hildegard ihre Ausbildung. Weitere Mädchen kamen hinzu und die stille Klause entwickelte sich zu einem lebendigen Konvent. Hildegard hatte, so berichtet sie später, schon als Kind Visionen, innere Bilder geistlichen Inhalts. Sie wurde Nonne und nach dem Tode Juttas zur Leiterin des Konvents gewählt. Engagiert bemühte sie sich ein eigenes Kloster für Frauen auf dem Rupertsberg bei Bingen am Rhein zu gründen und setzte sich gegen langjährige Widerstände durch. Erst mit 43 Jahren begann sie ihre inneren Gesichte aufzuschreiben. Sie diktierte sie Volmar, einem vertrauten Mönch. Es entstand das lateinische Buch "Scivias", das heißt "Wisse die Wege". Hildegard bemühte sich, ihre Sehergabe von der Kirche anerkennen zu lassen, und reichte ihre Werk zur Überprüfung ein. Durch Empfehlung von Bernhard von Clairvaux, einem der großen Prediger der Zeit, bei Papst Eugen III gelang ihr die offizielle Bestätigung ihrer Fähigkeiten. Viele Menschen suchten jetzt ihren Rat. Hildegard schrieb weitere Werke, neben zwei anderen Visionsschriften auch eine Beschreibung ihres Lebens (Vita), 77 Lieder, eine natur- und heilkundliche Schrift, ein Singspiel. Überliefert sind außerdem zahlreiche Briefe. Zwar haben wir gute Editionen ihrer drei großen Hauptwerke und der Briefe. Doch sind die anderen Schriften bis heute nicht in einer verlässlichen Ausgabe erschienen, sodass wir nichts Genaues über ihren Inhalt wissen.
Trotz dieser umfangreichen schriftstellerischen Tätigkeit hielt es Hildegard nicht in den Mauern ihres Konvents. Trotz ihrer labilen Gesundheit machte sie eine Reihe von Reisen und hielt Predigten auf den Marktplätzen. Im hohen Alter von achtzig Jahren starb sie 1179 als angesehene Frau in ihrem Kloster. Hildegard hat also die Jahrhundertwende und fast das gesamte 12. Jahrhundert erlebt.
Die Renaissance des 12. Jahrhunderts
Diese Zeit des 12. Jahrhunderts war eine des Aufbruchs aus den älteren Traditionen des Mittelalters. Die ersten Universitäten wurden gegründet und gaben Impulse für ganz Europa. In Paris und Chartres entwickelte sich die Scholastik: Diese kritische Methode des Umgangs mit den überlieferten Schriften überwand das frühmittelalterliche Denken, das an die Mönchskultur in ländlichen Klostergemeinschaften gebunden war (Monastik). Diese wahrhaft revolutionäre Lehre gilt heute als die eigentliche Begründung der modernen Wissenschaft, ein entscheidender gesellschaftlicher Wandel, den man früher in die Zeit der Renaissance des 15. Jahrhunderts datierte. Ohnehin neigt die moderne Mediävistik, die Lehre von der Erforschung des Mittelalters, dazu diese Zeit, in der Hildegard lebte, als die eigentliche Phase jener umfassenden Veränderungen zu verstehen, die die Neuzeit begründeten.
Was waren das für Entwicklungen? Kritik an der verlotterten Kirche führte zu grundlegenden Reformen. Neue Orden wurden gegründet, die die verlorengegangenen Ideale der Armut und des einfachen Lebens auf neue Weise realisierten, die "Bettelorden". Fast alle großen Denker der Zeit sind Bettelmönche. Sie dominierten die neuen Hochschulen. Neben ihrer Leidenschaft für die sich entfaltende Wissenschaft widmeten sie sich besonders auch den vielen Laien in den Städten. Immer mehr Menschen lebten nicht mehr auf dem Land, sondern zogen in die urbanen Zentren, wo sie Anschluss an die intellektuelle Bewegung suchten.
Frauenleben im 12. Jahrhundert
Das gilt gerade auch für viele Frauen. Zur Bezeichnung jenes massenhaften weiblichen Aufbruchs hat Herbert Grundmann den Begriff der "religiösen Frauenbewegung" eingeführt. Zum Teil erkannte die Kirche die Berechtigung dieser weiblichen Ansprüche nach Teilhabe am geistigen Leben der Zeit an und sie bot Kanäle, diese Wünsche zu befriedigen. Eigentlich gab es nämlich eine Ständeklausel, die nur adeligen und wohlhabenden Frauen Zutritt zu den klösterlichen Gemeinschaften gewährte. Doch öffnete die Kirche ihre Konvente nach und nach auch für Nicht-Adlige und gründete neue Klöster. Doch war sie insgesamt dem Ansturm in keiner Weise gewachsen.
Vor allem war Frauen der Zugang zu den neugegründeten Universitäten untersagt, während sie innerhalb der älteren Klosterschule durchaus eine gewisse Ausbildung erhalten hatten. Viele Frauen fühlten sich daher von den kulturellen Bewegungen der Zeit ausgegrenzt und von der Kirche im Stich gelassen.
Daher suchten sie nach neuen Wegen der Lebensgestaltung: So zogen sie in die Städte, schlossen sich dort in Gruppen zusammen und lebten von ihrer eigenen Arbeit. Sie nannten sich "Beginen" und erwiesen sich als sehr tüchtig, sehr zum Ärger der Zünfte, die eine Konkurrenz in ihnen witterten. Köln war ein Zentrum solcher Gemeinschaften, die sich gerade am Rhein, aber auch in Flandern und Brabant entfalteten. Viele Frauen schlossen sich auch den ketzerischen Bewegungen an, die in dieser Zeit viele kirchenkritische Menschen anzogen. Diese Gruppen waren für Frauen besonders attraktiv, da sie die Amtskirche und ihre Trennung der Lebenswelten der Geschlechter ablehnten und auch Frauen zugestanden, die Bibel auf ihre Art auszuleben und zu predigen.
Hildegard in ihrer Zeit
In dieser wilden Zeit mit ihren vielfältigen Frauenschicksalen stellte Hildegard sozusagen einen unerwartet ruhigen Pol dar. Sie repräsentierte in ihrem ganzen Dasein das traditionelle klösterliche Lebensideal für adlige Frauen. Anknüpfend an dieses entwickelte sie eine imponierende Schaffenskraft. Ihre Visionen setzten eine brachliegende Tradition weiblicher Gelehrsamkeit fort, die ein Gegengewicht gegenüber der vor allem männlich geprägten Wissenschaftskultur darstellte.
Die Erforschung des Lebens und der Bedeutung von Frauen in der Geschichte ist lange Zeit vernachlässigt worden. Stets hören und lesen wir von männlichen Erfolgen, Kriegen und Siegen in der Vergangenheit. Die Beschäftigung mit Hildegard schafft daher einen gewissen Ausgleich. In mancher Hinsicht ist Hildegard vorbildlich: das gilt insbesondere für ihre geistige Kreativität. Auch Kurt Flasch betont, ihre schriftstellerische Leistung sei für eine Frau ihrer Zeit wahrhaft außerordentlich und verdiene daher, auf eine bisher nicht genutzte neue Weise hervorgehoben zu werden.
Auch ihre Weltoffenheit und ihre Mobilität sind imponierend und für eine geistliche Frau ungewöhnlich. Eigentlich waren Mönche und Nonnen an ihr Kloster gebunden. Bemerkenswert war auch die Tatsache, dass sie sich in die politischen Fragen ihrer Zeit einmischte. Sie erkannte die Missstände im Klerus und bezog furchtlos und eigenwillig eine Position dazu, die zum Teil sehr kritisch war. Ihr Rat wurde von den größten Denkern ihrer Zeit gesucht und gefürchtet.
Die andere Seite Hildegards
Aber man sollte gerechterweise auch die andere Seite nicht vergessen: Hildegard war eine Privilegierte und sie vertrat ein konservatives Ideal. Ihre Schriften kreisen um Bilder und Gedanken, die für die ältere Tradition typisch sind; sie sind "symbolistisch", während die zukunftsweisende Lehre scholastisch ausgerichtet war. Hildegard gestaltete eine durchaus vertraute Bilderwelt auf ihre eigene ästhetisch faszinierende Weise neu. Sie schrieb Poesie auf, nicht Erkenntnis. Flasch meldet berechtigt Bedenken an, ob sie wirklich eine bedeutende Ärztin und ob ihr Bild von Natur und Mensch wirklich so ganzheitlich und zukunftsweisend für die heutige Naturheilkunde war, wie es gerne dargestellt wird. Sie war also nicht eigentlich, wie es oft fälschlich gesagt wird, eine große Wissenschaftlerin.
Auch die bedeutenden sozialen Bewegungen ihrer Zeit hat sie nicht verstanden. Das gilt insbesondere für die erwachten Bedürfnisse der nicht-adligen Frauen, deren Forderungen in der Zukunft immer wieder zur Debatte standen. Vielmehr war Hildegard auf die Fortsetzung der alten Hierarchien bedacht und lehnte es ab ihr Kloster für neue Frauengruppen zu öffnen. Sie war und blieb einem der alten Orden verbunden und predigte engagiert gegen die Ketzerbewegungen. So half sie mit das berechtigte kritische Potential, das sich in diesen Gruppen entfaltete, zurückzuweisen und ihre klugen Repräsentanten in ein gesellschaftliches Abseits zu drängen. Eine verhängnisvolle Entwicklung war damit in Gang gesetzt. Margarete Porete, eine andere Frau der Zeit, die ihre Visionen aufschrieb, wurde verbrannt. Einige Jahrhunderte später loderten überall die Scheiterhaufen mit den zu "Hexen" erklärten Frauen auf.
Hildegard war eine ganz außerordentlich kreative Repräsentantin der alten Klosterkultur in einer Zeit des Aufbruchs. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Sie hat uns so viel zu sagen, dass wir es nicht nötig haben sollten einen "Mythos" aus ihr zu machen.
Bea Lundt
Frau Dr. Lundt war vom 19.08.96-31.03.98 als Lehrerin an der Hildegardis-Schule tätig. Sie lehrt jetzt als Professorin an der Bildungswissenschaftlichen Hochschule in Flensburg, Schleswig-Holstein.
Jahrbuch Forum Hildegardis Nr. 7/1998